1. Hinter den Bühnenhäusern müssen Säulenhallen errichtet werden, damit die Bevölkerung, wenn plötzliche Regenfälle die Spiele unterbrechen, (einen geschützen Ort) hat, wohin sie sich aus dem Theater zurückziehen kann, und damit genügend Platz vorhanden ist, um den Bühnenapparat vorzubereiten. So gibt es die
Säulenhallen des Pompejus, ferner in Athen die Säulenhalle des Eumenes, das
Heiligtum des Pater Liber und für die, die das Theater verlassen, linker Hand das Odeion, das Themistokles nach Aufstellung von Steinsäulen mit den Schiffsmasten und Rahen aus der persischen Beute überdeckte (nachdem es aber auch im Mithridatischen Krieg in Flammen aufgegangen war, stellte es der König Ariobarzanes wieder her); in Smyrna das Stratonikeion; in
Tralles liegt die Säulenhalle zu beiden Seiten des Bühnengebäudes, oberhalb das Stadion. Und in anderen Städten, die umsichtige Baumeister gehabt haben, befinden sich bei den Theatern Säulenhallen und Wandelgänge.
2. Diese aber müssen offensichtlich so angelegt werden, daß sie doppelt sind und außen dorische Säulen haben mit Architraven und Schmuck, die nach einer Maßeinheit berechnet ausgeführt sind. Ihre Breite aber muß offensichtlich so gemacht werden, daß sie, gemessen vom unteren Teil der äußeren Säulen bis zu den mittleren und von den mittleren Säulen bis zu den Wänden, die die Wandelgänge der Säulenhalle einschließen, ebenso breit wie die äußeren Säulen hoch sind. Die mittleren Säulen aber sollen 1/5 höher sein als die äußeren, aber in ionischer oder korinthischer Ordnung gestaltet werden.
3. Die Proportionen und Symmetrien der Säulen aber werden nicht nach den gleichen Methoden berechnet, wie ich das bei den heiligen Gebäuden verzeichnet habe. Bei den Göttertempeln müssen nämlich die Säulen ernste Würde ausstrahlen, anders bei den Säulenhallen und übrigen Bauwerken einen zierlichen Eindruck machen. Daher soll man, wenn die Säulen dorisch sind, ihre Höhe rnit Einschluß des Kapitells in 15 Teile teilen. Von diesen soll ein Teil festgestellt und das Grundmaß werden, und nach diesem Grundmaß wird die Anlage des ganzen Bauwerks gestaltet sein. Und unten soll die Säule 2 Grundmaße dick gemacht werden; der Säulenzwischenraum 5 1/2 Grundmaß, die Höhe der Säule ausschließlich des Kapitells 14 Grundmaße. Die Kapitellhöhe 1 Grundmaß, die Kapitellbreite 2 1/6 Grundmaße. Die Berechnungen des übrigen Bauwerks mit Hilfe des Modulus sollen so durchgeführt werden, wie das bei den Tempeln im vierten Buch beschrieben ist.
4. Werden aber ionische Säulen gemacht, so soll der Schaft unter Ausschluß der Basis und des Kapitells in 8 ½ Teile geteilt werden, und von diesen soll ein Teil der Dicke der Säule gegeben werden. Die Basis mit der Plinthe soll mit der halben Dicke festgesetzt werden. Die Berechnung des Kapitells soll so geschehen, wie es im dritten Buch dargestellt ist. Wird die Säule aber korinthisch sein, dann Schaft und Basis wie bei der ionischen. Die Berechnung der Kapitelle aber so, wie es im vierten Buch aufgezeichnet ist. Die Schwellung für die Stylobate, die durch ungleiche Skamillen geschieht, nehme man nach der Beschreibung vor, wie sie oben im dritten Buch verzeichnet ist. Architrave, Gesimse und alles übrige soll man nach dem ausführen, was im Hinblick auf die Berechnung der Säulen in den vorhergehenden Büchern geschrieben ist.
5. Die Mittelräume, die zwischen den Säulenhallen unter freiem Himmel liegen werden, muß man, wie es scheint, mit Grünanlagen ausschmücken, weil Spaziergänge unter freiem Himmel sehr gesund sind, und zwar zunächst für die Augen, weil die durch das Grün zarte und verdünnte Luft, die durch die Körperbewegung eindringt, das Sehvermögen schärft und dadurch, daß sie aus den Augen die dicke Feuchtigkeit nimmt, das Auge hell und klar und den Blick scharf werden läßt. Außerdem vermindert die Luft dadurch, daß sie, wenn der Körper durch die Bewegung beim Herumwandeln warm wird, aus den Gliedern die Feuchtigkeit aussaugt, die Überfülle der Säfte und verdünnt sie dadurch, daß sie das, was mehr im Körper ist, als er vertragen kann, verdunsten läßt.
6. Daß dies so ist, kann man aber daraus ersehen, daß, wenn Wasserquellen überdacht sind oder auch sich unter der Erde weite Strecken sumpfigen Geländes befinden, aus diesen keine neblige Feuchtigkeit emporsteigt, daß aber an offenen und unter freiem Himmel liegenden Stellen die Sonne, wenn sie bei ihrem Aufgang mit ihren heißen Strahlen die Erde berührt, aus dem feuchten und sumpfigen Boden die Feuchtigkeit herauszieht und zusammengeballt in die Höhe steigen läßt. Wenn es sich daher so zu verhalten scheint, daß an untei freiem Himmel liegenden Stellen die lästige Feuchtigkeit von der Luft aus den Körpern herausgesogen wird, wie man das an den aus der Erde aufsteigenden Nebeln sieht, so kann, glaube ich, kein Zweifel darüber bestehen, daß man in den Gemeinden sehr weiträumige und (mit Grünanlagen) ausgeschmückte Spazierwege unter freiem Himmel und an unbedeckten Stellen anlegen muß.
7. Damit aber diese Spazierwege immer trocken und nicht schmutzig sind, wird man so verfahren müssen: Man grabe sie möglichst tief aus und schaffe den Aushub fort. Rechts und links lege man ausgemauerte Abzugsgräben an, und in diejenigen von ihren Wänden, die nach dem Spazierwege zu liegen, baue man schräg nach unten gerichtete Röhrchen ein. Sind diese Abzugsgräben fertig, fülle man diese (ausgehobenen) Stellen, (die den Weg bilden werden), mit Kohle, und dann bestreue man darüber diese Wege mit Kies und mache sie eben. So wird das überflüssige Wasser durch die natürliche Porosität der Kohle und den Einbau der Röhrchen nach den Abzugskanälen zu abgeleitet, und so werden die Spazierwege trocken und ohne Feuchtigkeit sein.
8. Außerdem sind gewöhnlich für die Bürger in diesen Bauten Speicher für notwendigen Bedarf eingerichtet. Im Falle einer Belagerung nämlich sind alle übrigen Vorräte leichter zu beschaffen als die von Brennholz. Salz wird nämlich leicht vorher eingeführt, und Getreide wird von Staatswegen und von Privatleuten ohne größere Schwierigkeit herbeigeschafft, und, wenn es zur Neige geht, wird dem Mangel durch Gemüse, Fleisch oder Hülsenfrüchte abgeholfen; Wasser erhält man durch Graben von Brunnen, oder es wird bei plötzlichen Regenfällen vom Dach aufgefangen. Was aber das Brennholz angeht, das zum Kochen der Speisen ganz besonders notwendig ist, so ist die Beschaffung schwierig und beschwerlich, weil es nur mit großem Zeitaufwand zusammengebracht und viel davon verbraucht wird.
9. In derartigen Zeiten werden dann diese Wandelgangspeicher geöffnet und tribusweise werden den einzelnen Bewohnern ihre Mengen zugeteilt. So erfüllen Wandelgänge unter freiem Himmel zwei hervorragende Zwecke: einmal dienen sie in Friedenszeiten der Gesundheit, zum anderen in Kriegszeiten der Sicherheit. Also werden die Anlagen von Wandelgängen, die nach diesen Grundsätzen nicht nur hinter den Theatergebäuden, sondern auch bei den Tempeln aller Götter durchgeführt sind, den Bürgern große Vorteile bieten können.
