Mainz, Terracottamaske eines Anwesens an der Pariser Straße (nach Neeb).
Mainz, Mosaik des Orpheus aus der Badergasse (Photo: GDKE Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie Mainz).
Mainz, Hirschkuh, Ausschnitt aus dem Orpheus-Mosaik. Die Tierfigur ist einem Darstellungsrepertoire entnommen, das sonst für Jagden und venationes in Arenen und Theatern angewendet wurde.

Unmittelbare Zeugnisse von Aufführungen im römischen Theater von Mainz sind gering - wie vielfach auch andernorts. Eine Ausnahme bildet das vermutlich zu Ehren der älteren Agrippina veranstaltete spectaculum. Die historisch belegten Gedenkfeiern zu Ehren von Drusus und Germanicus waren möglicherweise mit Feiern im Theater verbunden - wirklich belegbar ist dies allerdings nicht. Mit Sicherheit fanden in Mainz auch die reichsweit üblichen Ehrenfeiern für das römische Kaiserhaus statt, die wenigstens zu einem guten Teil mit Vorführungen im Theater verbunden waren. Auch wurde der stadtrömische Festkalender mit Veranstaltungen in Form von ludi scaenici für die verschiedenen Götter Roms in der Provinz wiederholt, wofür etwa die Öffnet internen Link im aktuellen FensterFloralia ein Beispiel sind. Schließlich ist es völlig undenkbar, dass die Mainzer Garnison ohne die Unterhaltungen in Theater und Arena auskommen mußte, die allenthalben üblich waren. Ein wertvolles allgemeines Zeugnis bietet jedoch der Öffnet externen Link in neuem FensterPresbyter Salvian von Marseille, der das Aussterben der Spiele für Mainz ausdrücklich hervorhebt - was im Umkehrschluß bedeutet, dass die Metropole am Rhein einst für ihre Aufführungen berühmt war.

Quellen

Salvian, de gubernatione Dei VI 39 (Öffnet externen Link in neuem Fensterlateinischer Text):

„Man kann freilich entgegnen, dass es keine Spiele in den römischen Städten mehr gibt, auch dort nicht, wo sie vorher immer stattfanden. Man spielt nicht in der Stadt Mainz, weil sie verwüstet und zerstört ist; man spielt nicht in Köln, weil es voll von Feinden ist; man spielt nicht in der brühmten Stadt Trier, weil sie durch viermalige Zerstörung zugrunde gegangen ist; man spielt schließlich nicht mehr in den meisten Städten Galliens und Spaniens."

Öffnet internen Link im aktuellen Fensterdecursio für Drusus den Älteren

Öffnet internen Link im aktuellen Fensterspectaculum

Öffnet internen Link im aktuellen Fenster„dies natalis" des Germanicus

 

Bildliche Reflexe des antiken Theaterlebens in Mainz

Orpheus-Mosaik
 

Reflexe des hiesigen Theaterlebens bieten einige bildliche Darstellungen: So kann eingedenk der römischen kaiserzeitlichen Aufführungspraxis damit gerechnet werden, dass das in Sichtweite des Theaters verlegte Orpheus-Mosaik aus Mainz eine Anspielung auf die dortigen Darbietungen darstellt, war der spektakuläre Gesang des Thrakers, der die wilden Tiere zum friedlich Zuhören bewegte, ein gern gebotener Nervenkitzel im römischen Theaterprogramm: Die Sage von Orpheus unter den wilden Tieren gehörte zu den inszenierten Mythen, die in römischen Theater und Arenen stattfanden. Unbekannt bleibt dabei, im Rahmen welchen Festes eine solche Darbietung in Mainz stattfand. Vgl. die Darstellungen des Orpheus auf den Mosaiken von Öffnet internen Link im aktuellen FensterRottweilÖffnet internen Link im aktuellen FensterKos und Öffnet internen Link im aktuellen FensterHadrumetum.

 

Varro, de re rustica III 13,2-3 berichtet von einer Aufführung des Orpheus-Mythos durch einen Schauspieler im privaten Rahmen:


„(2) Ich aber, sagte jener, wenn ich bei Quintus Hortensius auf seinem laurentinischen Besitz war, dort habe ich eine Veranstaltung gesehen, die noch mehr thrakisch war. Wie er sagte, war dort nämlich ein Wald von über 50 iugera von einer Mauer eingezäunt, den er nicht Hasengehege, sondern Tiergehege nannte. Dort gab es eine hervorgehobene Stelle, wo wir auf einem installierten Triklinium speisten. (3) An diesem Platz befahl er nun, daß Orpheus gerufen werde. Als dieser mit Stola und Kithara herbeikam, begann er auf Geheiß zu singen und blies das Horn, daß sich eine so große Menge von Hirschen, Wildschweinen und sonstigen Vierbeinern um uns versammelte, daß es mir nicht weniger schön erschien als es eine Veranstaltung ist, wie die Jagden, die ein Ädil im Circus Maximus gibt, aber ohne afrikanische Tiere."


Martial berichtet in seiner Schrift de spectaculis, in welcher sich zahlreiche Hinweise auf inszenierte Mythendarbietungen finden, zwei Mal von einer öffentlichen Aufführung vom Gesang des Orpheus unter den wilden Tieren. Die erste Stelle beschreibt eine zu Ehren des römischen Kaisers gegebene Veranstaltung in der Arena mit aufwändigen Kulissen und echten wilden Tieren, die der Darsteller des Orpheus jedoch nicht überlebte:

 

Martial, de spectaculis liber, XXI:

„Was das Rhodope-Gebirge in der Orpheus-Szene gesehen haben soll, hat jetzt die Arena dir, Cäsar, geboten. Felsen krochen heran, ein Zauberwald eilte herbei, so schön, wie man sich den Hesperidenhain vorstellt.Wilde Tiere aller Art waren da, den Haustieren zugesellt, und über des Sängers Haupt schwebten zahlreichen Vögel. Doch er selbst lag da, zerfleischt von einem undankbaren Bären. Dieser Vorfall nur wich von der mythischen Erzählung ab.“

 

Die zweite Stelle beschreibt den Bühneneffekt eines sich plötzlich öffnenden Grundes, aus dem der thrakische Sänger nach seinem misslungenen Versuch, Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen, emporstieg:

 

Matial, de spectaculis liber, XXIb:

„Wenn die Erde plötzlich aufklaffend Orpheus herauskommen ließ, kam er - wen wundert’s - von Eurydike aus der Tiefe."

 

Literatur: R. Gogräfe, Die Wiedergeburt des Mainzer Orpheus (Mainz 2007).

 

 

Wandmalereien eines Hauses in der Tiefgarage Proviantamt

 

Fragmente von Wandmalereien eines reich ausgestatteten Hauses im Bereich der Tiefgarage Proviantamt zeigen Masken, wovon eine als tragische Maske identifizierbar ist. Weitere Fragmente stammen von einem Panther, der einerseits auf das Begleittier des Dionysos, des Gottes des Theaters, aber auch auf Darstellungen von Tierkämpfen deuten kann. Welchen konkreten Hintergrund diese Anspielungen auf die römischen ludi besessen haben, bleibt unbekannt.

 

Literatur: R. Gogräfe, Die römischen Wand- und Deckenmalereien im nördlichen Obergermanien, Archäologische Forschungen in der Pfalz, 2 (Neustadt a.d.W. 1999) 410 Nr. 407,3-4 mit Abb. 103 S. 142.

 

Terracottamaske aus einer Grube an der Pariser Straße.

 

Kommentar: Die Maske aus Mainz wurde einer Serie zugewiesen, die in Köln hergestellt worden sein soll und die mit weiteren Exemplaren möglichweise in Augst und Vechten vertreten ist. Vgl. Öffnet internen Link im aktuellen FensterSpeyer.

 

Literatur: E. Neeb, Mainzer Ztschr. 20/21, 1925/26, 98 Abb. 12; H. Rose, Die römischen Terracottamasken in den Nordwestprovinzen, Monumenta Artis Romanae XXXVI (Wiesbaden 2006) 44 Abb. 20.